Frühe Konzentrationslager 1933-1939
Als zweiten Band der auf zehn Bände angelegten Reihe "Geschichte der Konzentrationslager 1933-1945" haben Wolfgang Benz und Barbara Diestel "Herrschaft und Gewalt" herausgegeben. Er setzt damit das am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin angesiedelte Projekt der Gesamtdarstellung aller KZ im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich mit 13 Monographien über Konzentrationslager der Zeit des Machterhalts und der Konsolidierung nationalsozialistischer Herrschaft fort. Auch dieser Band beschreibt das Phänomen des frühen KZ – von den Herausgebern "KZ der ersten Stunde" genannt, bei denen es sich teilweise um improvisierte Internierungslager für politische Gegner handelte; wieder hängt die Qualität der einzelnen Beiträge erheblich von den Autoren ab, deren Auswahl offensichtlich aufgrund ihres Engagements in der Erforschung einzelner Orte erfolgte. Erschreckend ist in diesem Zusammenhang tatsächlich der teilweise noch desolate Forschungs-stand, der sich in den spärlichen Literaturangaben wiederspiegelt. So ist man als Leser richtig froh über die Beiträge, die mit doch einigermaßen umfassendem Wissen und Souveränität im Umgang mit dem Thema aufwarten können. Hervorzuheben ist der Beitrag von Dirk Lüerssen über die frühen Konzentrationslager im Emsland 1933 bis 1936, der auf einer offensichtlich gut recherchierten Dissertation zum Thema fußt. Besonders erfreulich ist, dass einige Autoren das Thema nicht in der rigorosen zeitlichen Beschränkung verstanden haben, sondern sich durchaus auch mit der Zeit nach 1945 auseinandersetzen, indem sie die Schicksale Betroffener – Opfer wie Täter – skizzieren. Erschreckend wiederum die Problematik, hier Geschichte überhaupt recherchieren zu können. So beschreibt Reimer Möller für das Konzentrationslager Glückstadt die Quellenlage als "verhältnismäßig schlecht": "Der Verbleib der Registratur der Landesarbeitsanstalt ist ungeklärt. Fest steht, daß Unterlagen über die Häftlinge das Kriegsende überdauert haben, da der Anstaltsdirektor ab 1946 Bescheinigungen über Haftzeiten mit präzisen Daten ausstellte. Bei der Auflösung der nachfolgenden Einrichtung, des Landesfürsorgeheimes, wurden sämtliche Akten vom Schleswig-Holsteinischen Sozialministerium in Kiel übernommen. Am 17. August 1984 wurde von dort mitgeteilt, das Schriftgut sei nicht mehr vorhanden, über den Verbleib könnten keine Angaben gemacht werden" (108). Und weiter heißt es über den Verbleib der noch vorhandenen Akten, nämlich über die Antragsteller auf Ausstellung eines Verfolgtenausweises: "Die mehr als 12000 Einzelfallakten aus dem norddeutschen Raum werden jetzt vom Landesverband Hamburg der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten – verwahrt" (109). Dies ist fürwahr erschreckend und zeigt, dass die Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus mit erheblichen Hürden verbunden ist. Dabei sollte sie auch von nationalem deutschem Interesse sein – und das nicht nur bei Gedenkveranstaltungen und offiziellen Feierlichkeiten, sondern gerade auch bei einer umfassenden und ehrlichen Geschichtsschreibung. Die Errichtung diverser "Denkmäler" diverser Opfergruppen – an vorderster Stelle das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" mag ja das Gewissen beruhigen. Diese Denkmale werden uns nichts nutzen, wenn wir unsere eigene Geschichte nicht mehr nach verfolgen können.
Dieses beunruhigende Fazit zeigt doch, was für eine essentielle Bedeutung dieses Projekt als Bestandsaufnahme des derzeitigen Forschungsstandes hat, auch wenn es noch in den Kinderschuhen zu stecken scheint und ein umfassendes Konzept für den Leser nicht zu erkennen ist; so klaubt man sich weiter interessante Literaturhinweise aus einzelnen Fußnoten zusammen und hofft auf einen Erkenntnisgewinn in kleinen Schritten.
Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hrsg.) Herrschaft und Gewalt
ISBN 3-932482-82-4
Berlin: Metropol, 2002 Preis: € 19,00
Nikoline Hansen