Mit einem Festakt hat das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin am 24. Oktober sein zwanzigjähriges Bestehen gefeiert. Die Liste der Gastredner war lang und zeugt von dem Stellenwert, den sich das Zentrum im Laufe seiner Tätigkeit sowohl im kleinsten Rahmen an der Universität aber auch auf nationaler Ebene erarbeitet hat. Nachdem der damalige regierende Bürgermeisters Dietrich Stobbe die Errichtung eines solchen Zentrums 1978 in einer Rede anlässlich des 40. Jahrestages des Pogroms vom 9. November 1938 angekündigt hatte, dauerte es vier Jahre bis zur Gründung im Jahr 1982 unter der Leitung von Prof. Dr. Herbert A. Strauss (City University, New York). Professor Strauss schuf die Grundlagen für die herausragende, im In- und Ausland außerordentlich beachtete Arbeit des Zentrums. Sein Nachfolger ist seit 1990 Prof. Dr. Wolfgang Benz.
Auch an einer inzwischen so renommierten Einrichtung wie dem Zentrum für Antisemitismusforschung geht die angespannte Haushaltslage des Berliner Senats nicht spurlos vorbei, und so muss es sich den allgemein verfügten Sparmaßnahmen fügen, die die Berliner Universitäten zur Zeit besonders hart treffen. Professor Benz wies in seiner Eröffnungsansprache "Bilanz und Perspektiven" darauf hin, dass dringend benötigte Stellen unbesetzt blieben und die Arbeit damit erschwert würde; besonders die Nichtbesetzung der Bibliotheksstelle, für die eine qualifizierte Mitarbeiterin bereits gefunden sei, führe zu einer erheblichen Behinderung der wissenschaftlichen Forschungsaktivitäten. Er sei erfreut zu sehen, sagte er sodann, dass sich der Dekan etwas notiere.
Der Präsident der Technischen Universität, Prof. Dr. Kurt Kutzler hob die Bedeutung des Zentrums als Teil der geisteswissenschaftlichen Fakultät hervor, die gerade an einer schwerpunktmäßig technisch ausgerichteten Universität wichtig sei. Dies habe die unrühmliche Geschichte der Universität während des Nationalsozialismus gezeigt. Möglicherweise wäre diese Geschichte anders verlaufen, wenn es bereits damals eine geisteswissenschaftliche Fakultät gegeben hätte.
Dr. Shimon Stein, Botschafter des Staates Israel und Dr. Alexander Brenner, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin betonten in ihren Ansprachen, dass gerade in Zeiten, da versucht werde, Antisemitismus unter dem neuen Stichwort Antizionismus wieder gesellschaftsfähig zu machen, die Arbeit des Zentrum wichtiger denn je sei. Das zeige besonders auch die Tatsache, dass eine große bürgerliche Partei in diesem Wahlkampf versucht habe mit solchen Thesen auf Stimmenfang zu gehen – was ihr ja aber glücklicherweise nicht gelungen sei. Das Grußwort von Romani Rose vom Zentralrat der Sinti und Roma zeigte, dass sich das Zentrum für Antisemitismusforschung seiner Aufgabe auch in weiterem Sinne widmet – denn Antisemitismus darf nicht als allein stehendes Symptom begriffen werden, selbst wenn es in dieser ausgeprägten Form historisch einmalig ist, wie auch die Vorträge in der anschließenden wissenschaftlichen Konferenz zeigten. Vielmehr sind auch Ausgrenzung von Minderheiten und rechte Gewalt Themen, mit denen das Zentrum befasst ist und die eine erhebliche gesellschaftliche Relevanz haben.
Dies zeigte auch die Ansprache der ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages Professor Dr. Rita Süssmuth, die betonte, dass Politiker aller Parteien gerne die wissenschaftlich fundierte Beratung des Zentrums in Anspruch nähmen. Auch sie habe die Hilfe des Zentrums des Öfteren in Anspruch genommen und sei immer dankbar für die Ratschläge gewesen, die sie erhalten habe – und das, wie sie betonte, als eine kostenfreie Dienstleistung. Auch Professor Dr. Barbara John, die Ende des Jahres nach 20 Jahren Tätigkeit aus dem Amt scheidende Ausländerbeauftrage des Senats von Berlin, betonte ihre Verbundenheit mit dem Zentrum – sie sei mit der Arbeit des Zentrums durch ihre eigene Tätigkeit, die in etwa zeitgleich begann, von Anfang an verbunden gewesen. Es habe einen regelmäßigen befruchtenden Austausch zwischen der praktischen Tätigkeit ihres Amtes und der wissenschaftlichen des Zentrums gegeben.
Den anschließenden Festvortrag "Wissenschaft im Dienst der Gesellschaft. Antisemitismusforschung als Herausforderung und Notwendigkeit" hielt Edzard Reuter, der von Professor Benz zwar frühzeitig eingeladen worden war, aber nach eigenen Angaben erst als er das Programm in den Händen hielt realisierte, dass er nicht nur eine Ansprache sondern eben die zentrale Rede halten sollte. Er brillierte rhetorisch, nicht ohne eine deutliche inhaltliche Position zu setzen: So sagte er, das Projekt der Aufklärung – dem ja auch das Zentrum für Antisemitismusforschung verbunden ist – sei das größte Projekt der Menschheit und die Wissenschaft habe der Wahrheit zu dienen – auch das ein Leitsatz, der in der deutschen Geschichte nicht immer im Vordergrund stand.
Das Trio „The Independent Research Group“ lieferte sehr einfühlsam mit einer an Klezmer erinnernden eingängigen, aufmunternden aber doch unaufdringlichen Musik den passenden musikalischen Rahmen der Veranstaltung.
Nikoline Hansen