Mit dem vorliegenden Buch hat die Journalistin und Politikerin Cornelia Schmalz-Jacobsen, langjähriges FDP-Mitglied, nicht nur ihren Eltern ein offensichtlich verdientes Denkmal gesetzt, sondern zugleich ein für die Mehrzahl der Deutschen höchst unbequemes Buch geschrieben, denn sie zeigt, dass es – zwar unter hohem Risiko, gleichwohl aber doch möglich war, den so oft zitierten Zwängen der Diktatur zu widerstehen und sein Leben nach eigenen ethischen Grundsätzen zu gestalten.
Cornelia Schmalz-Jacobsen erzählt die historisch recherchierte und aufgearbeitete Geschichte des Widerstands und Zerfalls einer Familie unter der Diktatur des NS-Regimes, die zugleich ihre eigene ist; faszinierend und spannend geschrieben stellt sie diese zugleich in einen breiteren Kontext, der in Deutschland, nach früheren wieder in der Vergessenheit versunkenen Versuchen (etwa die 1958 ins Leben gerufene Initiative des Berliner Innensenators Joachim Lippschitz, Berlinerinnen und Berliner zu ehren, die während des NS-Regimes Verfolgten Hilfe geleistet hatten) nur langsam in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit dringt: Die Tatsache, dass ganz normale deutsche Bürger ohne offensichtliche eigennützige Interessen Verfolgten des NS-Regimes halfen und ihnen das Leben retteten.
Nun ist weiter Tatsache, dass es sicher zu wenige waren, die sich derart verhielten, und dass sie auch nach dem Krieg kaum einen Grund hatten, dies öffentlich mit ihren Nachbarn zu diskutieren. War doch ein solches Verhalten während der NS-Herrschaft eine Gradwanderung gewesen und mussten sich die wenigen überlebenden Juden, die nach dem Krieg in Deutschland blieben ihren Stand in der deutschen Gesellschaft erst wieder mühselig erarbeiten – Misstöne sind ja nach wie vor nicht nur unüberhörbar, sondern es hat den Anschein, dass eine Art gepflegter Antisemitismus in großen gesellschaftlichen Kreisen unseres Landes durchaus mehrheitsfähig ist. Weshalb Deutsche ohne Not ihr Leben riskierten, um verfolgten Mitbürgern zu helfen, wird deshalb auch vielen leider unverständlich bleiben; eine Erfahrung, die die Autorin nach Kriegsende, geprägt vom liberalen Weltbild ihrer Mutter, selbst machen musste: "Damals, als Kind in Berlin, hatte ich mir vorgestellt, dass meine Eltern, auf die ich so maßlos stolz war, nach dem Krieg sozusagen "ganz groß herauskommen" würden, und wir Geschwister mit ihnen. Das hatte sich dann rasch als Hirngespinst erwiesen, weil nämlich Widerstand und Rettung von Verfolgten keinen Menschen in Deutschland interessierten" (S. 130).
Nach eigenen moralischen Maßstäben zu leben und sich aufoktroyierten Maßnahmen zu widersetzen war nicht nur keine Selbstverständlichkeit, sondern auch mit den Kindern unverständlichen Einschränkungen verbunden: "Mein Bruder erinnert sich daran, dass er recht gern an den schönen, aufregenden Ausflügen teilgenommen hätte, aber er durfte nicht. Zwar wurden Mahnungen ausgesprochen, sogar Strafen angedroht, aber passiert ist weder ihm noch den Eltern etwas. Mit offenkundiger Genugtuung hat Donata (Cornelias Mutter) im April 1946 in einer schriftlichen Stellungnahme vermerkt, dass ihre Kinder "niemals an Zusammenkünften, Vorträgen, Schulungsveranstaltungen oder Aufmärschen des BDM oder der Hitlerjugend teilgenommen hätten" (S. 51).
Es ist erfreulich, dass dieses Buch die Problematik der für Deutschland als Teil der Weltgemeinschaft äußerst wichtigen Randgruppe der Helfer gegen den NS-Terror so offen darstellt. Hoffentlich wird es einen großen Leserkreis finden und dazu beitragen, die Bedeutung der Geschichte dieser "anderen Seite" den nicht mehr selbst betroffenen Generationen verständlich zu machen und die Bedeutung des eigenverantwortlichen Handelns als Alternative jenseits des blinden Protests aufzuzeigen.
Cornelia Schmalz-Jacobsen: Zwei Bäume in Jerusalem
ISBN 3-45509-378-7, Hamburg, Hoffmann und Kampe 2002 € 19,90
Nikoline Hansen